Gezeiten verstehen
Ebbe und Flut einfach erklärt
Mond, Sonne und eine Wasserwelle, die einmal um die Nordsee läuft – warum das Meer auf Sylt zweimal am Tag kommt und geht.
Du stehst morgens am Strand von Westerland, das Wasser reicht fast bis an die Strandkörbe. Mittags liegt da plötzlich ein breiter, nasser Sandstreifen. Ebbe und Flut – oder etwas förmlicher: die Gezeiten – sorgen dafür, dass sich die Nordsee zweimal am Tag zurückzieht und zweimal wiederkommt. Hier erfährst du, warum das so ist.
Ebbe, Flut, Hochwasser, Niedrigwasser – was ist was?
Im Alltag sagen wir „Ebbe“, wenn das Wasser weg ist, und „Flut“, wenn es da ist. Genau genommen beschreiben die Wörter aber eine Bewegung:
- Flut ist die Zeit, in der das Wasser steigt.
- Ebbe ist die Zeit, in der das Wasser fällt.
- Hochwasser ist der höchste Punkt – der Moment, in dem die Flut endet.
- Niedrigwasser ist der tiefste Punkt – dann ist die Ebbe vorbei.
Zwischen Niedrig- und Hochwasser liegen auf Sylt etwas mehr als sechs Stunden. Ein kompletter Durchlauf von Hochwasser zu Hochwasser dauert im Mittel 12 Stunden und 25 Minuten. Deshalb gibt es fast jeden Tag zwei Hoch- und zwei Niedrigwasser.
Warum gibt es Gezeiten?
Die Hauptrolle spielt der Mond. Seine Anziehungskraft zieht an der Erde – und zwar an der Seite, die ihm zugewandt ist, stärker als an der abgewandten Seite. Das Wasser der Ozeane folgt diesem Unterschied: Es bildet zwei „Wasserberge“, einen auf der Mondseite und einen auf der gegenüberliegenden Seite der Erde. Während sich die Erde unter diesen Bergen hindurchdreht, kommt jeder Ort zweimal am Tag in einen Berg (Hochwasser) und zweimal in ein Tal (Niedrigwasser).
Die Sonne zieht ebenfalls am Wasser, aber nur etwa halb so stark wie der Mond. Stehen Sonne und Mond in einer Linie, verstärken sie sich – das gibt besonders hohe Fluten, die Springtiden. Stehen sie im rechten Winkel zueinander, schwächen sie sich ab: Dann ist Nipptide. Mehr dazu im Artikel Springtide und Nipptide.
Warum ist Hochwasser jeden Tag rund 50 Minuten später?
Der Mond wandert auf seiner Bahn um die Erde jeden Tag ein Stück weiter. Bis die Erde „ihn wieder eingeholt hat“, vergehen nicht 24 Stunden, sondern rund 24 Stunden und 50 Minuten. Genau um diese Zeit verschieben sich die Gezeiten von Tag zu Tag. War heute um 14 Uhr Hochwasser, ist es morgen gegen 14:50 Uhr so weit.
Die Nordsee macht es komplizierter
Wäre die Erde komplett mit Wasser bedeckt, wäre die Sache damit erklärt. Tatsächlich stoßen die Wasserberge an Kontinente und Küsten. In der Nordsee entsteht dadurch eine Gezeitenwelle, die gegen den Uhrzeigersinn um das ganze Becken läuft – von Schottland an der englischen Küste entlang nach Süden, dann an den Niederlanden und der deutschen Küste vorbei nach Norden Richtung Dänemark.
Für Sylt heißt das: Die Welle erreicht zuerst die offene Westküste und drückt dann durch die Rinnen zwischen den Inseln ins Wattenmeer. Deshalb kommt die Flut in Munkmarsch auf der Ostseite im Schnitt rund zwei Stunden später als in Westerland. Wie groß die Unterschiede genau sind, zeigt der Artikel Warum die Flut nicht überall auf Sylt gleichzeitig kommt.
Das Wasser steigt nicht gleichmäßig
Ein häufiger Irrtum: Wenn die Flut sechs Stunden dauert, steigt das Wasser jede Stunde um ein Sechstel. In Wirklichkeit folgt der Wasserstand eher einer Wellenkurve. Kurz nach Niedrigwasser tut sich wenig, in der Mitte der Flut steigt das Wasser am schnellsten, und kurz vor Hochwasser wird es wieder langsamer.
Seeleute merken sich das mit der Zwölferregel: In der ersten Stunde steigt das Wasser um etwa 1/12 des Tidenhubs, in der zweiten um 2/12, in der dritten und vierten um je 3/12, dann wieder 2/12 und 1/12. Das ist eine Faustregel, aber sie zeigt gut, warum der Strand in der Mitte der Flut so schnell verschwindet.
Und was ist mit Wind und Wetter?
Die Gezeiten selbst lassen sich Jahre im Voraus berechnen – sie hängen nur an Mond und Sonne. Der tatsächliche Wasserstand weicht davon aber oft ab: Kräftiger Westwind drückt Wasser an die Küste, das Hochwasser fällt höher aus. Ostwind bläst Wasser hinaus, dann bleibt es niedriger. Bei Sturm aus Westen kann aus einer ganz normalen Flut eine Sturmflut werden.
Darum zeigt TIDE. nicht nur die astronomische Berechnung, sondern auch die Wasserstandsvorhersage des BSH, die Wind und Wetter einbezieht – und an den Pegeln in List und Hörnum echte Messwerte.
Kurz zusammengefasst
- Flut = Wasser steigt, Ebbe = Wasser fällt.
- Ein Gezeitenzyklus dauert rund 12 Stunden 25 Minuten, deshalb gibt es zwei Hochwasser pro Tag.
- Jeden Tag verschieben sich die Zeiten um etwa 50 Minuten.
- Ursache sind vor allem der Mond und in zweiter Linie die Sonne.
- Auf Sylt kommt die Flut zuerst an die Westküste und später ins Wattenmeer.