Geschichte

Rungholt: Die Stadt, die 1362 im Meer versank

Jahrhundertelang war Rungholt vor allem eine Geschichte: eine reiche, stolze Stadt in Nordfriesland, die in einer einzigen Sturmnacht im Meer versank – zur Strafe für den Übermut ihrer Bewohner, wie die Sage erzählt. Fischer wollten an stillen Tagen ihre Glocken aus der Tiefe läuten hören. Manche hielten Rungholt für eine Erfindung. Inzwischen weiß man: Den Ort gab es wirklich.

Die Nacht der Groten Mandränke

Am 15. und 16. Januar 1362 – um den Tag des heiligen Marcellus – traf ein schwerer Orkan die Nordseeküste. Die Sturmflut, die er auslöste, ging als „Grote Mandränke“ in die Geschichte ein, als „großes Ertrinken“. Sie verwüstete Küsten in England, den Niederlanden, Deutschland und Dänemark.

Am schlimmsten traf es Nordfriesland. Die Marschen dort lagen tief – auch, weil die Menschen über Generationen Torf abgebaut und das Land entwässert hatten. Der Boden war abgesackt, die Deiche niedrig. Als das Wasser kam, liefen ganze Landstriche voll und blieben es. Wo vorher Höfe, Felder und Kirchen standen, entstand Wattenmeer.

Wie viele Menschen starben, ist nicht bekannt. Zeitgenössische Berichte gibt es kaum, und spätere Chroniken nennen Zahlen, die vermutlich übertrieben sind. Sicher ist: Die Küste Nordfrieslands sah danach völlig anders aus.

Wo lag Rungholt?

Rungholt lag nicht auf Sylt, sondern weiter südlich im heutigen Wattenmeer – zwischen Pellworm und Nordstrand, in der Gegend der heutigen Hallig Südfall. Damals gehörte das Gebiet zur Edomsharde auf der großen Insel Strand, die in der Burchardiflut von 1634 endgültig zerbrach.

Schon im 20. Jahrhundert fanden sich im Watt bei Südfall Spuren menschlicher Besiedlung: Brunnen, Gräben, Reste einer Sielanlage. Ob sie wirklich zu Rungholt gehörten, blieb lange offen.

Der Fund von 2023

Im Mai 2023 meldeten Forschende der Universität Kiel, der Universität Mainz, des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie und des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein einen Durchbruch. Mit geophysikalischen Messungen hatten sie im Watt eine rund zwei Kilometer lange Kette mittelalterlicher Warften entdeckt – künstliche Wohnhügel, auf denen die Menschen damals siedelten.

Auf einer dieser Warften zeichneten sich die Fundamente eines großen Kirchenbaus ab, rund 40 mal 15 Meter. Die Forschenden deuten sie als die Hauptkirche des Kirchspiels – und damit als die Kirche von Rungholt. Bohrungen und gezielte Grabungen haben seitdem erste Einblicke in Aufbau und Fundamente des Baus geliefert.

Für die Wissenschaft ist das mehr als eine Bestätigung der Legende: Die Funde zeigen, wie dicht und wohlhabend die Marschen vor 1362 besiedelt waren – und wie viel die Sturmflut zerstört hat.

Rungholt in Literatur und Sage

Berühmt geworden ist Rungholt auch durch das Gedicht „Trutz, Blanke Hans“ von Detlev von Liliencron aus dem Jahr 1882. Darin trotzen die reichen Rungholter dem „Blanken Hans“ – so nennt man an der Küste die stürmische Nordsee – und gehen dafür unter. Die Erzählung vom Übermut, der bestraft wird, findet sich in vielen Sagen der Küste. Mit der historischen Wirklichkeit hat sie wenig zu tun: Die Menschen in Rungholt ertranken nicht wegen ihres Hochmuts, sondern wegen eines Orkans, tief liegenden Landes und zu niedriger Deiche.

Was hat das mit Sylt zu tun?

Sylt ist eine Geestinsel – ihr Kern liegt höher als die Marschen, die 1362 untergingen. Die Insel blieb deshalb erhalten. Aber auch Sylt hat Land und Dörfer an das Meer verloren, und die Gezeiten, die heute rund um die Insel laufen, sind eine Folge dieser Katastrophen: Das Wattenmeer zwischen Sylt und dem Festland ist in seiner heutigen Form erst durch die großen Sturmfluten entstanden.

Ein Sylter Beispiel für ein verlorenes Dorf ist Eidum, aus dessen Bewohnern später Westerland hervorging: Eidum: Das Dorf, das im Meer versank.

Kurz zusammengefasst

  • Die Grote Mandränke traf die Nordseeküste am 15./16. Januar 1362.
  • Rungholt lag im Wattenmeer zwischen Pellworm und Nordstrand, nahe der Hallig Südfall.
  • 2023 fanden Forschende dort die Fundamente einer großen Kirche – vermutlich die Kirche von Rungholt.
  • Ursachen der Katastrophe: Orkan, durch Torfabbau abgesunkenes Land und niedrige Deiche.

Quellen