Geschichte
Die schwersten Sturmfluten auf Sylt – von 1362 bis heute
Versunkene Dörfer, zerbrochene Inseln, ein Rekord von 4,05 Metern: die Sturmfluten, die Sylt geprägt haben.
Die Nordsee hat die Küste Nordfrieslands immer wieder neu gezeichnet. Ganze Landstriche gingen unter, Inseln zerbrachen, Dörfer verschwanden. Sylt liegt mittendrin – und trägt die Spuren dieser Sturmfluten bis heute. Ein Streifzug durch gut 650 Jahre.
Die Rekorde am Pegel List
Am Pegel List-Hafen reichen die Aufzeichnungen bis in die Zeit um 1900 zurück. Die höchsten Werte seither laut Fachplan Küstenschutz des Landes:
- 24.11.1981Höchster Wasserstand seit 19004,05 m
- 03.01.1976Orkan „Capella“3,94 m
- 16.02.1962Orkan „Vincinette“3,65 m
- 03.12.1999Orkan „Anatol“3,61 m
- 19.02.2022Sturmtief „Zeynep“3,18 m
- 14.11.20153,00 m
- 27.12.20162,99 m
- 10.02.2020Sturmtief „Sabine“2,99 m
- 22.12.2023Sturmtief „Zoltan“2,74 m
Quelle: Fachplan Küstenschutz Sylt, Land Schleswig-Holstein (LKN.SH). Linien: Einteilung des BSH, gemessen ab mittlerem Hochwasser (rund 0,88 m NHN in List).
Zum Einordnen: Normalerweise steigt das Hochwasser in List auf knapp einen Meter über NHN. Beim Rekord 1981 stand das Wasser also gut drei Meter höher als bei einer gewöhnlichen Flut. Nach der heutigen Einteilung des BSH war das eine schwere Sturmflut – die Grenze zur „sehr schweren“ Sturmflut liegt in List bei rund 4,4 m NHN und wurde seit Beginn der Messungen nicht erreicht. Was die Einteilung bedeutet, steht im Artikel Sturmflut auf Sylt.
1362 – Die Grote Mandränke
In der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1362 traf eine gewaltige Sturmflut die Nordseeküste von England bis Dänemark. Die Menschen nannten sie später die „Grote Mandränke“ – das große Ertrinken. In Nordfriesland verschwanden große Teile der Marschen, und mit ihnen der berühmte Handelsort Rungholt.
Wie hoch das Wasser damals stand, weiß niemand – es gab keine Messungen, und zeitgenössische Berichte sind rar. Auch die Zahl der Toten ist unsicher; spätere Chroniken nennen sehr hohe Zahlen, die vermutlich übertrieben sind. Sicher ist: Die Küste sah danach völlig anders aus. 2023 haben Forschende die Reste der Kirche von Rungholt im Watt nahe der Hallig Südfall gefunden. Die ganze Geschichte: Rungholt und die Grote Mandränke.
1436 – Die Allerheiligenflut und das Ende von Eidum
Am 1. November 1436 traf eine weitere schwere Sturmflut die Küste. Auf Sylt wurde dabei der Überlieferung nach das Dorf Eidum so schwer getroffen, dass die Überlebenden es aufgaben. Sie zogen weiter nach Osten auf höheres Land – aus ihrer neuen Siedlung entstand später Westerland. Mehr dazu: Eidum: Das Dorf, das im Meer versank.
1634 – Die Burchardiflut
In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634 brach die Burchardiflut über Nordfriesland herein. Sie zerriss die große Insel Strand – übrig blieben die heutigen Inseln Nordstrand und Pellworm sowie die Hallig Nordstrandischmoor. Schätzungen gehen von 8.000 bis 15.000 Toten aus. Die Landkarte des nordfriesischen Wattenmeers hinter Sylt sah danach grundlegend anders aus.
1962 – Die Februarflut
In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 trieb der Orkan „Vincinette“ das Wasser gegen die deutsche Nordseeküste. Bekannt ist diese Flut vor allem wegen Hamburg, wo Deiche brachen und über 300 Menschen starben. Am Pegel List stieg das Wasser auf 3,65 m NHN. Die Katastrophe war der Anstoß, den Küstenschutz in ganz Norddeutschland neu aufzustellen – höhere Deiche, bessere Warnsysteme.
1976 – Orkan „Capella“
Am 3. Januar 1976 traf Orkan „Capella“ die Nordsee, die Flut fiel mit einer Springtide zusammen. An vielen Pegeln der deutschen Küste wurden Rekordstände gemessen, und auch Sylt wurde schwer getroffen. In List erreichte das Wasser 3,94 m NHN. Dass es an der Küste weit weniger Opfer gab als 1962, lag vor allem an den inzwischen erhöhten Deichen.
1981 – Der Rekord in List
Am 24. November 1981 stieg das Wasser am Pegel List auf 4,05 m NHN – der höchste Wasserstand dort seit 1900. Gerade für Nordfriesland war diese Sturmflut eine der schwersten des 20. Jahrhunderts.
1999 bis heute
Auch seitdem gab es eine Reihe schwerer Sturmfluten:
- 3. Dezember 1999, Orkan „Anatol“: 3,61 m NHN in List
- 19. Februar 2022, Sturmtief „Zeynep“: 3,18 m NHN
- Dezember 2023, Sturmtief „Zoltan“: mehrere Sturmfluten hintereinander, bis 2,74 m NHN
Diese Fluten kamen nicht mehr an die Rekorde heran, haben an Sylts Westküste aber große Mengen Sand gekostet. Warum die Insel trotzdem nicht kleiner wird, erklärt der Artikel Sylt verliert Sand.
Was hat sich geändert?
Die Sturmfluten von heute sind nicht unbedingt seltener – aber die Menschen sind besser vorbereitet. Das BSH berechnet Wasserstandsvorhersagen für die ganze Küste, Warnungen kommen Stunden bis Tage im Voraus, Deiche sind höher und stärker als je zuvor, und an Sylts Westküste puffern jedes Jahr neue Sandvorspülungen die Wucht der Brandung ab.
Mit dem steigenden Meeresspiegel laufen künftige Sturmfluten allerdings auf einem höheren Grundniveau auf. Der Küstenschutz bleibt eine Daueraufgabe.
Quellen
- Land Schleswig-Holstein: Fachplan Küstenschutz Sylt – Planungsgrundlagen (Scheitelwasserstände Pegel List-Hafen)
- Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein: Die Kirche von Rungholt (2023)
- WetterOnline: Jahrhundertflut im Nordwesten – Orkantief Capella (1976)
- Wikipedia: Liste von Sturmfluten an der Nordsee
- Wikipedia: Burchardiflut